Schülerarbeitsgemeinschaften:
Ha'Rimon in Moskau 1994 - Persönlicher Erlebnisbericht des Schülers Rene

 
   
 
 

Mittwoch, den 11.05.1994

Heute sollte es soweit sein, ich konnte es kaum glauben. Und dann noch mein erster Flug. Wir machten alle unsere Witze, von wegen Abstürzen und so, aber das machte mir nichts, bis ... bis ich die Maschine sah. Wir fuhren an allen Jumbos vorbei zu einer kleinen Maschine, die wirklich abbruchreif aussah, von innen und außen. Doch wie das Schicksal es wollte, kamen wir doch an.
An der Schule warteten wir auf unsere Einteilung. Ich sah mich um, während ein Berliner nach dem anderen verschwand. Dann wurde ich aufgerufen. Als ich meinen russischen Partner sah, war meine erste Reaktion: "Oh, Mann!" Ein großer, schlanker, gutaussehener, starker Junge mit einer derartig tollen Sonnenbrille, sein Name war Sascha.
Wir gingen also zu ihm nach Hause. Anfangs sprachen wir kaum miteinander. Dann standen wir im elften Stock vor einer gepolsterten Wohnungstür. Sascha klingelte, und dir Tür ging auf. Die Mutter stand in der Tür. Ich weiß nicht mehr in welcher Sprache, aber irgendwie sagte ich: "Hallo" und streckte ihr meine Hand entgegen. Sie packt emeine Hand, zog mich in die Wohnung, umarmte mich und küßte mich und sagte etwas, das wohl "Willkommen" hieß. Schnell fand ich heraus, daß Sascha Englisch sprach und konnte mich somit mit ihm unterhalten. Unsere erste gemeinsame Aktivität war das Abendessen. Ich war anschließend derartig abgefüllt, man hätte mich mit Essen jagen können.
Nachdem ich ausgepackt hatte, gingen wir auf das Begrüßungsfest in der Schule. Mir hat dort alles sehr gut gefallen. Der Abend, die Menschen, die Gastfreundschaft und das Tanzen. Dort sah ich zum ersten Mal Natascha. Sie war die bessere "Hälfte" (gastgebene Schülerin) von Sandra und saß mir gegenüber. Ich hatten das Gefühl, daß zwischen uns eine gewisse Spannung den Abend über herrschte. Aber was für eine, sollte ich erst später erfahren.
Nach dem Begrüßungsfest gab es den ersten ungewissen Abschied: Eine Nacht getrennt von allen deutschen Kontakten. Zu "Hause" angekommen, saßen die Eltern bereits im Wohnzimmer am Tisch, mit allem, was zum Kennenlernen nötig ist - Kaffee, Kuchen, Wodka und einem deutsch-russischen Wörterbuch. Es war ein gelungener Abend, der erst um 1.30 Uhr endete.


Donnerstag, den 12.05.1994

Aus Angst davor, daß mich keiner weckt, stand ich bereits sehr früh auf der Matte. Irgendwann kam dann die Mutter, weckte ihren Sprößling und gab auch mir einen Schmatzer. Wir saßen beim Frühstück und unterhielten uns über viele Dinge. Von Wort zu Wort verstanden wir uns besser. Die Mutter hatte ein extra Übersetzungsbuch für die Küche. So erzählte sie mir jedesmal, was ich gerade aß.
Dann gingen wir wieder geradewegs in die Schule. Wir Berliner sollten dort zwei Stunden 40 Minuten dem Unterricht beiwohnen. Mein Stundenplan: Literatur und Mathematik. Wir betraten den Klassenraum und an unserer Seite Natascha - Sandra und Kerstin - Victoria. Der Unterricht war in Literatur genau wie bei uns. Der Lehrer machte Witze, die Klasse gröhlte vor Lachen. Besonders interessiert war ich eigentlich mehr an den Schülern als am Unterricht.
Dann kam das große Sportfest. Es war kein Sportfest im eigentliche Sinne, eher ein Wettbewerb zwischen den russischen Schülern und uns. Es war total lustig, ich glaube, es hat jedem gefallen Anschließend ging es zum Mittagessen.
Beim Essen bekam ich soviel vorgesetzt, daß es mir unmöglich war, alles aufzuessen. Ich konnte mich zwar kaum mit Sach's Mutter verständigen, aber dennoch verstanden wir uns prima. Sie war total nett und behandelte mich wie ihren eigenen Sohn.
Natürlich ging es erst zum Essen, bevor am Abend die Gegenbesuche starteten. Wir, Natascha - Sandra, Kerstin - Victoria, Sacha und ich, gingen zu Julia und Manuela. Dort hatte ich zum ersten Mal den Eindruck, daß ich mich mit den Russen richtig gut verstehe. Ich saß im Wohnzimmer und fünf russiche Schüler um mich herum. Sandra, Manuela und Kerstin wälzten irgendwelche Probleme, während ich Privatauskünfte gab. Als Dolmetscher für die anderen diente Natascha, die sehr gut Englisch sprach. Manchmal traf es sich sehr gut, daß außer Natascha keiner Englisch verstand. So lernten wir uns besser und besser kennen. Wieder zu Hause unterhielten Sascha und ich uns über viele Dinge, auch über Natscha, bis wir gegen 2.00 Uhr einschliefen.


Freitag, den 13.05.1994

Nach dem Frühstück gingen wir zur Schule, um dort erstaunt festzustellen, daß jeder das gleiche Problem hatte: viel zu viel Essen. Unsere Gasteltern füllten uns ab bis zum geht-nicht-mehr. Und dann schleppte jeder von uns noch einen Beutel mit Nahrung für die heutige Reise. Wir bekamen derartig viel zu Essen, daß uns nichts übrig blieb, als im Bus untereinander zu tauschen.
Wir fuhren nach Susdal, einem Dorf vier Stunden von Moskau entfernt. Alle freuten sich. Nach drei Stunden wollte keiner mehr in das alte Dorf. Aber es war wirklich schön. Alte Häuser und Kirchen, alle reich verziert und gut erhalten. Dennoch waren wir alle glücklich, als wir wieder zu Hause ankamen.
Gegenbesuche Part II: Diesmal ging es zur Wohnung von Natascha und Sandra, sie wohnten im 21. Stock. Ich hatte mich unheimlich auf den Abend gefreut. Ich war gerne mit den Russen zusammen, und besonders gerne mit Natscha. Nach wenigen Stunden geselligen Beisammenseins fragte ich, wer gegen mich Schach spielen wollte. Alles brüllte, und Sascha erwischte es. Ich rieb mir die Hände und sagte mir, daß ich ihnen zeigen werde, wie man in Deutschland spielt. Das Ergebnis: ein Schachspiel, ein Damespiel, einmal Wolf und Schafe und einmal Halma - alles verloren. Die Situation zwischen mir und Natascha spitzte sich auch langsam zu. Es hatte schon etwas gefunkt. Aber der Abend ging zu Ende, und wir gingen.
Immer wieder wurde uns gesagt, daß wir nie allein auf die Strße dürften. Wir haben nie etwas Krimminelles gesehen, dennoch scheint Moskau eine gefährlich Stadt zu sein. Wenn jemand ging, wurde er von seinen Eltern abgeholt. Sascha und ich gaben selbst oft Begleitschutz für irgendwelche Freunde, die gingen.
Wir gingen von Natscha in einer großen Gruppe von sechs Jugendlichen und vier Erwachsenen. Unterwegs schauten wir in einer Art Supermarkt vorbei. Einige Lebensmittel, Möbel, Radio, HiFi, Elektronik, Schmuck und sogar ein Fahrrad waren zu sehen, ungefähr zu unseren Preisen. Wir brachten die anderen nach Hause und gingen ins Bett. Da Sascha und ich im selben Zimmer schliefen, ließ es sich nicht vermeiden, daß wir noch bis 1.30 Uhr redeten. Wir verstehen uns sehr gut, wie sich nur Freunde oder Brüder verstehen können.


Sonnabend, den 14.05.1994

Natürlich wartete auch diesmal ein riesiges Frühstück auf mich. Und so ganz nebenbei muß ich bemerken, daß meine Gastmutter eine sehr gute Köchin ist. Mit hat alles, was ich in der Familie gegessen habe, geschmeckt. Aufbruch und zur Schule. Geplant war eine Führung durch den Moskauer Kreml. Wir standen also vor der Schule und wollten gerade abrücken, als ich freudestrahlend bemerkte, daß uns einige Russen begleiten werden. Ich hielt mich sehr oft bei den russischen Schülern auf, denn die Berliner sehe ich noch oft genug, dachte ich bei mir. Die Freundschaft zwischen zwischen allen Gruppen wuchsen. Steglitz - Neukölln - Moskau und Moskau - Neukölln. Die schon bestehenden Freundschaften innerhalb der drei Gruppen wurden immer fester und intensiver. Ich war sehr interessiert am Kreml und die anderen eigentlich auch.
Anschließend gingen wir ins Kaufhaus GUM. Und wir hatten so viel Zeit, zu viel Zeit, fand ich. Also ließ ich mir von Sascha ein Eis spendieren, und wir gingen zum Treffpunkt, um dort mit Natascha und Vic auf die anderen zu warten. Das Kaufhaus war riesig. Ich war begeistert - so etwas im Westen, und es hätte am Tag tausende von Besuchern. Wir warteten und warteten, und dann ging es weiter: geradewegszum Pyadnitzki-Tanzensemble.
Leider gingen hier viele unsere russischen Freunde nach Hause. Schade, aber es war trotzdem schön. Die Tanzschüler tanzten und tanzten, es war fantastisch! Sie haben perfekt getanzt, und sie hatten soviel Ausdruck. Wir waren hin- und weggerissen. Nach einiger Zeit hörten sie auf, und sämtliche Lehrer und Betreuer hielten es für nötig, etwas zu sagen. Nach vielen Hin und Her forderten uns die Tanzschüler auf mitzutanzen. Wir, natürlich hellauf begeistert, sprangen auf die Tanzfläche. Ich machte mich etwas bekannt, und meine russischen Tanzpartnerin zeigte mir verschiedene Tanzschritte. Sie gelangen mir mehr oder weniger gut. Sie brüllte aber nur "Ja" und "Gut" und zeigte mir , wie leicht die Sachen seien. Später ließ ich sie nur noch machen und versuchte mein Bestes, es ihnen annähernd gleich zu tun. Vergebens.
Erschöpft verabschiedeten wir uns und verschwanden. Zu Hause starteten wieder die Gegenbesuche. Diesmal bewirteten wir alle bei uns zu Hause. Die Stimmung war wie immer gut. Langsam fing dieSache zwischen mir und Natascha an, interessant zu werden. Ich denke, man hätte es uns ansehen können, was wir dachten. Ich würde sagen, wir flirteten schon die letzten Tage miteinander - aber jetzt ...
Und wieder ein lustiger Abend vorbei. Sascha und ich setzten uns vor den Fernseher und spielten Computerspiele. Natürlich habe ich verloren. Irgendwann hatten wir auch keine Lust mehr und gingen schlafen.


Sonntag, den 15.05.1994

Gleicher Ablauf! Aufstehen, Frühstück und Besprechung des Tagesablaufs. Heute ist Familientag, jeder sollte nach der Sagorskreise etwas mit seiner Gastfamilier tun. Sasch und ich wollten zu Saschas Bruder. Wir fuhren also mit einigen Russen in Kloster Sagorsk. Auf der Fahrt und beim gesamten Ausflug war ich mit Natascha zusammen. Wir kamen uns gedanklich näher. Das Klostergelände war sehr schön. Sascha hatte deutlich sichtbat ein Problem, so ging ich hin und fragte, welches. Er antwortete, es sei seins - aber ein Glas Wodka wäre nicht schlecht. Wieder zu Hause wurde aus dem Besuch beim Bruder nichts, weil wir wieder Mal eine Stunde zu spät waren, und die Zeit war zu knapp.
Wir aßen also schnell und trafen uns mit den Leuten, die aus verschieden Gründen auch nichts unternahmen. Wir gingen zu Kerstin, zum Glück war Natscha da. Hin und wieder hatte ich den Eindruck, daß sich außer den Russen und mir keiner amüsierte. Dann kam jemand von den Mädchen auf die glorreiche Idee, das Schicksal anhand der Karten herauszufinden. Dadurch sprachen wir Natascha und ich das